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Geldmengenkonzept |
Inhalt:
2. Trichet verteidigt Geldmengenkonzept
3. Weber warnt vor Abriss der monetären Säule
Schul/Bank 05/2007
Die Geldmenge M3 setzt sich
u.a. zusammen aus dem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristigen
Geldmarktpapieren sowie aus Schuldverschreibungen bis zu 2 Jahren Laufzeit. Das
Wachstum dieser Geldmenge wird von der EZB mit großer Aufmerksamkeit
betrachtet, da eine übermäßige Geldversorgung von der EZB auf lange Sicht als
Auslöser für steigende Preise angesehen wird.
Die EZB fußt ihre
Geldpolitik auf der sog. Zwei-Säulen-Strategie. In der ersten Säule analysiert
die Notenbank die Entwicklung der Geldmenge, vor allem das weite
Geldmengenaggregat M3 und das Kreditwachstum. Dahinter steht die Überlegung,
dass Inflation auf mittlere bis lange Sicht immer ein monetäres Phänomen ist.
Nur wenn zu viel Geld auf zu wenige Güter trifft, können die Preise auf
breiter Front und anhaltend steigen. In der zweiten Säule ihrer Strategie
analysiert die EZB eine große Zahl nichtmonetärer Faktoren, die auf kurze
Sicht die Inflationsrate beeinflussen können. Dazu zählen das
Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosigkeit, Lohnabschlüsse, die staatlichen
Haushaltsdefizite und anderes.
In diesem Februar 2007 ist
die Geldmenge M3 im Ganzjahresvergleich um 10,0% gestiegen. Schon seit Jahren
liegt das Geldmengenwachstum weit über dem Referenzwert von 4,5%, bis zu dem
die Geldversorgung nach Einschätzung der EZB nicht zu einem stärkeren
Preisanstieg führt. Die EZB gibt allerdings zu bedenken, dass ein einfacher
Vergleich mit dem Bezugswert nicht ausreiche, um das Inflationspotenzial von M3
zu bewerten. Experten wenden ein, dass durch die EZB-Zinserhöhungen viel Geld
in kurzfristige Zinsanlagen geparkt wurde und der Aktienkurseinbruch Ende
Februar 2007 die Investoren zu einer Flucht in sichere verzinsliche Vermögenswerte
veranlasst habe, sodass das Geldmengenwachstum als verzerrt gelten könne.
Trichet verteidigt
Geldmengenkonzept
EZB-Rat Liebscher sieht
Inflationsgefahren
Börsen-Zeitung vom
22.05.2007
Der Präsident der EZB
Trichet hat die Eignung der Geldmenge als Grundlage für Zinsentscheidungen
verteidigt. In einer Rede in Madrid sagte er Agenturmeldungen zufolge, die
Geldmenge sei wichtig für die Geldpolitik und helfe, Inflationserwartungen zu
verankern. Die Analyse der Geldmenge habe der EZB bisher immer geholfen, Risiken
für die Preisstabilität herauszuarbeiten.
Zuletzt waren aus der französischen
Zentralbank Zweifel an der Eignung der Geldmenge als Frühindikator künftiger
Preisentwicklungen laut geworden. Als Grundlage für ihre Entscheidungen dienen
der EZB neben den realwirtschaftlichen Indikatoren etwa zur Konjunkturlage auch
Daten zu Geldmenge und der Kreditentwicklung. In den vergangenen Monaten hatte
die Geldmenge außergewöhnlich stark zugelegt und die von der EZB angepeilte
Zielmarke deutlich überschritten. Im März betrug das Plus 10,9% zum Vorjahr
und lag damit deutlich über dem Referenzwert von 4,5%, bis zu dem die
Geldversorgung nach EZB-Einschätzung nicht zu einem stärkeren Preisanstieg führt.
Die EZB werde deshalb die Entwicklung der Geldmenge weiter sehr genau
beobachten, bekannte jetzt Trichet.
EZB-Vizepräsident Lucas
Papademos gab auf einer Konferenz der Österreichischen Nationalbank (OeNB) in
Wien seiner Entschlossenheit Ausdruck, dass die EZB auch künftig sehr wachsam
sein werde, um die Preisstabilität zu gewährleisten und die
Inflationserwartungen der Wirtschaft auf niedrigem Niveau zu halten.
EZB-Ratsmitglied und Gouverneur der OeNB Klaus Liebscher verwies auf die
weiterhin bestehenden Inflationsgefahren. Die EZB könne keine Entwarnung bei
den Risiken für die Preisstabilität geben. (…) Die Geldpolitik müsse
vorbeugend handeln. Es gebe keinen Grund, sich zurückzulehnen. Die EZB hat
bereits eine weitere Zinserhöhung auf voraussichtlich 4% für die nächste
Zinssitzung Anfang Juni 2007 signalisiert. Die Zentralbank hat seit Ende 2005
den Schlüsselzins bisher auf 3,75% angehoben von 2%, um die Teuerung während
des Aufschwungs zu dämpfen.
Weber
warnt vor Abriss der monetären Säule
„Restriktiverer Kurs bei
hoher Liquidität“
Bundesbankpräsident im
Streitgespräch mit Ökonom Harald Uhlig zur geldpolitischen Strategie der EZB
Börsen-Zeitung vom
29.05.2007
Der Präsident der Deutschen
Bundesbank, Axel Weber, warnt davor, die Analyse monetärer Daten in der
geldpolitischen Strategie der EZB aufzugeben. In einem von der Börsen-Zeitung
moderierten Streitgespräch mit dem Ökonomie-Professor Harald Uhlig betonte
Weber, der auch Mitglied im EZB-Rat ist: „Wer monetäre Frühindikatoren
ignoriert, läuft Gefahr, geldpolitisch sozusagen hinter die Kurve zu fallen.“
Vielmehr müsse eine Notenbank diese Indikatoren nutzen, um Informationen über
Bedrohungen des stabilen Preisniveaus über einen längeren Zeitraum zu
gewinnen.
Dem hält Harald Uhlig (…)
entgegen, dass die Analyse monetärer Daten keine Informationen bringe, die
nicht bereits über die realwirtschaftlichen Daten bekannt seien. „Wenn die
Inflation kurzfristig immer im Zielbereich der Zentralbank bleibt, kann sie
langfristig nicht davon abweichen“, betonte der Wissenschaftler (…).
Die EZB legt ihren
Zinsentscheidungen ihre Einschätzung der zukünftigen Inflationsgefahren
zugrunde. Dazu analysieren die Währungshüter neben realwirtschaftlichen
Faktoren wie Konjunktur und Preise die Entwicklung von Geldmengenaggregaten und
Krediten. Dem breiten Aggregat M3 kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu.
Es umfasst u.a. Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere
sowie Schuldverschreibungen bis zu 2 Jahren Laufzeit und sollte laut Vorgabe der
Notenbank nicht schneller als mit 4,5 % im Jahr expandieren. Aber auch liquidere
Geldmengenaggregate und deren Gegenposten – Ausweitung der Kreditvergabe –
in der Zentralbankbilanz werden unter die Lupe genommen, um langfristige
Inflationsgefahren abzuschätzen.
Insbesondere diese monetäre
Analyse der sog. Zwei-Säulen-Strategie ist in der Wissenschaft höchst
umstritten. Obwohl sich das Geldmengenwachstum seit Jahren kräftig und zuletzt
auf zweistellige Raten beschleunigt hat, rechnen Analysten einhellig damit, dass
die Teuerungsraten im Gebiet der Gemeinschaftswährung auf Sicht der nächsten
zwei Jahre bei nur rund 2 % liegen werden.
Seit Dezember 2005 hat die
EZB den Schlüsselzins für den Euroraum in 7 Schritten um insgesamt 175
Basispunkte auf 3,75 % erhöht. Analysten rechnen für Juni mit einer weiteren
Zinserhöhung auf 4,0 %. Ob und wie viele Zinserhöhungen die Zentralbank dann
noch vollziehen wird, ist unklar. Nicht wenige Ökonomen vermuten, dass die EZB
bei 4 % eine Pause einlegen wird, um den konjunkturellen Aufschwung nicht zu
bremsen. „In einem Umfeld ausgesprochen dynamischer Liquidität sollte die
Geldpolitik restriktiver sein als in einem normalen“, fordert Weber.
Die Geldmenge ist im
laufenden Straffungszyklus unvermindert weiter angestiegen, in den vergangenen
drei Monaten mit einer Jahresrate von 10 % und darüber – zuletzt im März mit
knapp 11 %. Damit blieb das Geldmengenwachstum trotz der 7 Zinserhöhungen
deutlich über dem Referenzwert der EZB von 4,5 %. Bis zu diesem Niveau halten
die Währungshüter den Anstieg der Geldmenge für unbedenklich für die
Verbraucherpreise. Die EZB verfehlt diesen Wert aber seit mehreren Jahren zum
Teil erheblich, ohne dass es zu
nennenswerten Abweichungen von ihrem mittelfristigen Stabilitätsrahmen gekommen
wäre. Die EZB versucht, die Inflationsrate knapp unter 2 % zu halten. Eurostat
zufolge haben sich die Verbraucherpreise im April im Euroraum gegenüber dem
Vorjahr um 1,9 % erhöht. Das war die gleiche Teuerung wie im März.